Die Oase, strahlender Hain voller Schatten, lauschiger Born
zartester Bande, war sie nicht das Paradies auf Erden, der Garten Eden, in
den Gottvater in der Schöpfungsgeschichte den ersten Menschen setzte? Und
wieso hätte dieser Gott eine Oase schaffen sollen, wenn es keine Wüste
gegeben hätte? Nach dem Sündenfall, verschuldet durch Wißbegierde,
führte die Vertreibung aus dem Paradies das erste Paar aus dem Überfluß
in die Unsicherheit und Angst vor dem Morgen. Eden bedeutet auf Sumerisch
bewässertes und damit fruchtbares Land, aber auch Köstlichkeit, Lust,
Vergnügen. Oase ist ein von den Griechen entlehntes ägyptisches Wort.
Und Paradies stammt vom persischen ferdus ab, aus dem die Griechen
paradisos machten. Es ist offensichtlich: Der Begriff des Paradieses oder
Garten Eden beruht auf dem auffälligen Gegensatz zwischen Oase und
Wüste. Der berühmte Reisende Herodot, Vater der Geschichtsschreibung und
der Völkerkunde, welcher Ägypten im 5. Jahrhundert v. Chr. beschrieb,
zeigte auf, daß der Unterschied zwischen dem Feuchten und dem Trockenen
eine der grundlegenden Grenzen der Biogeographie ist. Für ihn ist das
«Wunder des Wassers» ein Privileg, das nur ein Geschenk wohlgesinnter
Götter sein kann. Und da Oase und Wüste sich gegenseitig bedingen und
die eine gewissermaßen das Negativ der andern ist, läßt sich auch die
eine durch die andere definieren.