wir gehen zurück zu den männern, die am
lagerfeuer sitzen. sie trinken ihren tee und betrachten eingehend den mond.
seine krater und seine meere werden zu weiden, hirsefeldern und
palmenwäldern, und der schwarze punkt dort in der mitte sieht aus wie ein
baum; der baum, der dem menschen der wüste nicht aus dem sinn geht.
mit geschlossenen augen summt kadis vater yadh: "allah hat diesem
baum sieben zweige geschenkt, auf jedem zweig ruhen sieben nester, in
jedem nest wohnen sieben vögel, jeder vogel hat sieben schnäbel..."
"sieben zweige, sieben nester, sieben vögel, sieben schnäbel",
wiederholen die anderen kamelhirten.
seit monden und monden stellen die männer abends am lagerfeuer dieselbe
rechnung auf. sieben, mal sieben, mal sieben, mal sieben ... wie viele
elemente sind in diesem mondbaum vereint? keiner findet die lösung. die
tuareg mögen nicht zählen. zählen ist sparen, betrügen, werten,
beurteilen. zählen bedeutet, das falsche aufzuwerten.
"lasst uns aufhören!" ruft kadis vater yadh aus. "die
sieben ist die zahl der engel. man misst sich nicht mit den engeln. mit
der sieben herumzuspielen, das ist, als wolle man ghaïchata heiraten, so
wie ingad."
"wer ist denn dieser ingad, von dem du sprichts?" fragen ihn die
männer am feuer.
es ist die stunde der legenden, die geboren werden aus der stille und der
wüste. es ist die stunde, in der der kleine prinz dem piloten
saint-exupéry erschien.
yadh schnupft eine prise tabak aus seiner hohlen faust und beginnt zu
erzählen: "ingad war ein junger kamelhirte, der, unterwegs in seinem
wadi, plötzlich ein sehr schönes mädchen entdeckte, ghaïchata."
er schliesst die augen. nach längerer besinnung fährt er fort: "ingad
wusste nicht, dass ghaïchata eine hexe mit sieben zungen war. mit diesen
zungen konnte sie gleichzeitig einen korb flechten, einen armreif
ziselieren, ein gefäss töpfern, ihre ziegen melken und anderen
beschäftigungen nachgehen."
er hat sich in seinen hirngespinsten verirrt. er improvisiert, sucht nach
worten, spielt mit ihnen. ingad ist in ghaïchata verliebt, ghaïchata
will ihn wohl heiraten ...
"er konnte es kaum erwarten", fährt yadh aufgeregt schnaufend
fort, "er konnte es kaum erwarten, seinen vater um erlaubnis zu
bitten, dieses junge mädchen, das ihn verzaubert hatte, heiraten zu
dürfen."
mein vater streckt den arm aus und nimmt eine handvoll holz, das er ins
feuer wirft. die hellen flammen beleuchten die gesichter der männer. alle
sind von yadhs geschichte gefesselt.
"ich hoffe, dass sein vater mit ihm wie ein vater gesprochen
hat", riskiert ener, der karawanenführer, einzuwerfen.
"natürlich! ... er sagte ihm: 'pass auf, mein sohn, deine ghaïchata
ist vielleicht diese hexe, die in der wüste lebt. in ihren adern fliesst
kein blut, sondern eine bleiche flüssigkeit. bevor du mit dieser jungen
frau das zelt knüpfst, tust du gut daran, sie mit einer nadel zu stechen.
wenn blut aus der wunde kommt, dann bringe sie her, mein sohn.'"
yadhs stimme ist ganz sanft geworden. er hat die männer um sich
vergessen.
jetzt ist er allein mit ingad und ghaïchata, und wir müssen uns um ihn
drängen, um seine worte zu verstehen.
"also", flüstert er, "... kaum war er wieder bei seiner
schönen, da nahm ingad einen mit dornen gespickten akazienzweig und
ritzte ghaïchata in den finger."
an diesem punkt seiner geschichte wendet sich yadh an meinen vater und
sagt:
"jetzt, dayak, musst du weitererzählen. du wirst dir wohl eine
fortsetzung ausdenken können."
das sind die spielregeln. einer nach dem anderen wird den staffelstab
übernehmen und der poesie und phantasie entgegenstürmen.
"aus der schramme perlte eine gelbliche flüssigkeit", fährt
mein vater sogleich fort." ingad fühlte, wie sich sein herz in eis
verwandelte. er wollte es nicht wahrhaben, dass ein so schönes mädchen
eine talchint, eine hexe, sei. als er in sein lager zurückkam, belog er
seinen vater und erzählte ihm, dass nicht blut, sondern ein rubin aus dem
daumen ghaïchatas gekommen sei. der vater war beruhigt und schenkte ihm
sieben kühe, sieben ziegen, sieben schafe und sein schönstes kamel. 'geh
nun zu dem jungen mädchen, das du liebst', sagte er zu ihm, 'und übergib
ihm diese wenigen tiere für dein heiratsgut!'"
jetzt muss ihn yadh wieder ablösen. ohne lange zu überlegen, erzählt
er:
"sie sassen auf ihrem kamel und hielten einander umarmt. ihre herde
folgte ihnen. so zogen ghaïchata und ingad in die wüste, und ghaïchatas
lieder waren reinste juwelen. beim ersten brunnen, an dem sie haltmachten,
schlief ingad sofort ein. als er erwachte, waren die sieben schafe, die
ihm sein vater geschenkt hatte, wie durch zauberei verschwunden. "das
sind die schakale", beklagte sich ghaïchata, "ich bin mir ganz
sicher, dass es die schkale sind." noch in derselben minute brachen
sie auf und hielten nicht eher an, als bis sie vor müdigkeit umfielen
..."
auf ein zeichen meines vaters muss nun bazo weiterdichten. er wird rot und
stottert ohne grosse überzeugung einige worte:
"als sie am nächsten morgen erwachten, waren die sieben ziegen
verschwunden. die sieben ziegen und auch die sieben kühe ..."
yadh hebt seine finger zu den sternen und zeigt damit an, dass er
fortfahren will. immerhin ist es seine geschichte. er will nicht, dass ein
anderer sie im sande verlaufen lässt.
"an jenem abend", ruft er mit dröhnender stimme, "band
ingad sein kamel sehr weit von der wasserstelle entfernt, in deren
vertiefung ghaïchata und er sich zur ruhe legten, an. kaum war er
eingeschlafen, schreckte er auch schon wieder hoch. stöhnen, dann
schreckliches brüllen kam von da, wo er sein mehari angebunden hatte. er
rannte, so schnell er konnte, und er überraschte ghaïchata, wie sie
einen vorderfuss seines tieres, das sie mit ihren sieben zungen fest
umklammerrt hielt, verschlang. noch bevor ingad zeit zum eingreifen hatte,
hatte sie dem kamel schon den zweiten fuss abgerissen, und ... dann auch
den dritten."
"wie ist das möglich?" fragte mein vater spöttisch.
"starb das kamel nicht?"
"nein!" unterbricht ihn yadh wütend. "nein, dayak! wie
eine sprungfeder schnellte das tier auf seinem einzigen bein mit ingad zu
einem baum, der einsam in der wüste wuchs ... schnell sprach ingad ein
paar zauberworte, die er von seiner mutter gelernt hatte, und der baum
beugte sich herab, damit ingad und sein kamel in seine zweige klettern
konnten. dann aber richtete sich der baum sofort wieder auf, begann zu
wachsen und wurde so hoch, dass ghaïchata, so oft sie wollte, alle ihre
zungen ausstrecken mochte, sie konnte ingad nicht erreichen."
"ich verstehe", unterbricht ener. "jetzt brauchte ingad nur
darauf zu warten, dass ghaïchata es leid sei oder dass sie, ohne wasser
und nahrung, immer schwächer würde und stürbe."
kadi und ich sind entsetzt.
"ist sie tot?" fragen wir gleichzeitig.
yadh streckt drohend seinen finder zum himmel: "bei allah",
braust er auf, "natürlich ist sie tot! ingad sah, wie sie
austrocknete, wie sie sich unter qualen wand, bis sie ihren letzten
atemzug dem teufel zurückgab. dennoch wartete er, bis ihr körper zu
staub zerfallen war, bevor er sich den baumstamm hinabgleiten liess. als
er nur noch ein paar meter vom boden entfernt war, beschloss er
loszulassen. er sprang hinab, und sein fuss wurde von einer rippe
ghaïchatas, die aus dem sand ragte, durchbohrt. er starb unter den
schrecklichsten qualen ..."